Wenn in Fortbildungen über Neurodivergenz gesprochen wird, geht der Blick fast automatisch auf die Kinder. Das ist verständlich, blendet aber die andere Hälfte der Kita-Realität aus: Auch im Team sind neurodivergente Menschen tätig – oft ohne, dass sie es benennen, manchmal ohne, dass sie selbst darum wissen. Ein reflektierter Umgang damit ist keine Nebensache. Er entscheidet über Klima, Bindung und Fluktuation.
Warum das Thema so lange unsichtbar blieb
Autismus- und ADHS-Diagnosen im Erwachsenenalter werden im deutschsprachigen Raum erst seit wenigen Jahren systematisch gestellt. Viele Erwachsene – gerade Frauen – erhalten eine Diagnose spät oder gar nicht. Wer sich lebenslang unauffällig verhalten musste, ist oft erschöpft, ohne das mit einer neurodivergenten Prägung in Verbindung zu bringen. In der Kita fällt das auf, wo Reize, Multitasking und Beziehungsanforderungen chronisch hoch sind.
Anzeichen, die keine Diagnose sind
Wichtige Vorbemerkung: Nichts, was hier steht, ist Diagnostik. Sie sollen keine Kolleg:innen etikettieren. Es geht um Sensibilität für Muster:
- Kolleg:innen, die nach Elternabenden komplett „leergefegt“ sind.
- Personen, die klare Aufgaben brauchen, um bei Zuruf produktiv zu sein.
- Teams-Mitglieder, die mit ungeplanten Änderungen sichtbar schwerer umgehen als mit hoher Grundbelastung.
- Fachkräfte, die im Gruppengeschehen leiden, in 1:1-Situationen aber aufblühen.
- Personen mit stark ausgeprägten Detailinteressen und Fachwissen.
Diese Muster können, müssen aber nicht auf Neurodivergenz hindeuten. Entscheidend ist weniger die Zuordnung als die Frage: Passt unsere Arbeitsumgebung zu den Menschen, die wir haben?
Was Leitungen konkret tun können
- Klare Struktur schaffen. Dienstpläne, Erwartungen und Zuständigkeiten schriftlich – nicht nur mündlich.
- Reize im Personalzimmer reduzieren. Ein ruhiger Rückzugsplatz für Pausen ist keine Bequemlichkeit, sondern Arbeitsschutz.
- Übergänge im Dienst planbar machen. „Wer übernimmt wann welche Gruppe" ist eine Struktur, die allen hilft, insbesondere neurodivergenten Kolleg:innen.
- Feedback-Kultur überprüfen. Zwischen-Tür-Rückmeldungen sind für viele Menschen keine wirksame Kommunikation. Kurze, klare, geplante Formate sind besser.
- Offen für Selbstauskunft sein. Wer eine Diagnose teilen möchte, soll das ohne Nachteile tun können.
Vorteile für die ganze Kita
Teams, die neurodivergenz-sensibel arbeiten, berichten von geringerer Fluktuation, stabileren Elternbeziehungen und höherer Umsetzungstreue bei pädagogischen Konzepten. Der Grund ist banal: Fachkräfte, die nicht permanent kompensieren müssen, haben Kapazität für Beziehung – und Beziehung ist im Kita-Alltag die eigentliche Ressource.
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